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In der rheinland-pfälzischen Hauptstadt Mainz, genauer gesagt an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, ist die Idee einer Online-Plattform für Dissertationen entstanden, die bundesweit für mehr Transparenz sorgen soll, woran gerade geforscht wird. Co-Gründer Michael Grupp, bekannt u.a. auch durch die Organisation der Mainzer Gründer Treffen, hat sich unseren Interview-Fragen gestellt.

RMS: Bitte stelle Dich uns kurz vor. Wer bist Du und was machst Du?
Michael Grupp: Mein Name ist Michael Grupp, ich bin eigentlich Rechtsanwalt und Doktorand. Eigentlich deshalb, weil mein Alltag seit einer Weile von unserem Startup Thesius eingenommen wird. Thesius war ursprünglich ein Hobbyprojekt von Mainzer Doktoranden mit dem Ziel, alle Dissertationen der Bundesrepublik zu listen. Daraus wurde dann eine umfassende Titel-Datenbank und inzwischen eine Art Xing für alle, die an einer Abschlussarbeit oder Promotion arbeiten, verbunden mit besseren Suchtechniken. In Kürze geht auch unsere Datenbank für Themenvorschläge online, dann bekommen Studenten Themenvorschläge für Abschlussarbeiten – von Forschungseinrichtungen, von Unis und vor allem direkt aus der Industrie. Das Ziel von dieser Themenvermittlung ist eine Art fachliches Schaufenster der Wirtschaft, jedes Unternehmen kann bei uns kostenlos Themenvorschläge einstellen und Studenten können per Mausklick Interesse anzeigen. Eigentlich simpel, aber sehr arbeitsintensiv.

RMS: Wie kam es zur Gründung von Eurem Startup?
Michael Grupp: Wie mit vielen zunächst unterschätzten Sisyphos-Arbeiten: mit einem naiven kleinen Schritt. Als Doktoranden hatten wir uns über die fehlende Transparenz bei der postgradualen Arbeit oft gewundert. Die vorhandenen Plattformen setzen später, bei Forschern und Konferenzen, an. Und die universitären Vernetzungsmöglichkeiten funktionieren nicht fächerübergreifend und bundesweit. So war die Idee zu Thesius geboren. Das Prinzip ist eigentlich einfach: Wer auf der Datenbank recherchieren will, muss angeben, in welchem Bereich er/sie selbst schreibt. Schon verbessern sich Schritt für Schritt Sichtbarkeit und Wissenschaftskommunikation.

RMS: Wie habt Ihr die Finanzierung des Startups gestemmt?
Michael Grupp: Zunächst privat – da wir die technischen und fachlichen Skills weitgehend selbst abgedeckt haben, ging es nur um den Zeitaufwand. Mehrere Doktoranden halfen damals pro bono mit. Anfang 2013 war das nicht mehr machbar und wir haben uns mit Finanzierungsmöglichkeiten beschäftigt. Obwohl das Vorhaben für öffentliche Förderung eigentlich gut geeignet ist, waren Versuche in diese Richtung erfolglos. Wir haben uns dann für Risikokapital entschieden und mit der ISB Rheinland-Pfalz eine Beteiligung vereinbart, die das Projekt seit Herbst 2013 begleitet. Ein produktiver und gleichzeitig angenehmer Kontakt.

RMS: Was waren die größten Stolpersteine, die Ihr bisher bei der Gründung und dem Aufbau des Startups überwinden musstet?
Michael Grupp: Der gleiche Stolperstein, den viele haben: die Vertriebsrealität. Thesius ist ein innovativer Ansatz in der Branche, und die Lösung richtig zu beschreiben und zu verkaufen hat uns viel Zeit, Mühe und einige Frustration gekostet. Zweiter Stolperstein war und ist gutes Personal – derzeit suchen wir z.B. einen weiteren Entwickler. Zwar gibt es im Rhein-Main-Gebiet ausreichend Ausbildung, trotzdem fällt auch finanzierten Startups die Positionierung bei guten Leuten schwer.

Thesius Team
Das Team des Startups Thesius aus Mainz. 2. v.l. unten: Michael Grupp.

RMS: Mit wie vielen Leuten arbeitet Ihr mittlerweile an Eurem Startup?
Michael Grupp: Wir sind drei Gründer, dazu kommen drei weitere Angestellte und Praktikanten, Werkstudenten und Vertriebsmitarbeiter. Das Team variiert also zwischen 8 und 14 Leuten, im Büro ist immer genug los. Mit direkten Auswirkungen auf meine Produktivität (lacht), zwischen neun und sechs komme ich nicht zu viel.

RMS: Was macht Ihr, um den Bekanntheitsgrad von Eurem Startup weiter auszubauen?
Michael Grupp: Wir müssen uns vor allem an den Hochschulen positionieren, das legt schon einmal viele Kanäle nahe. Wir haben Kooperationen mit Unis und Einrichtungen und nutzen Hochschulkontakte. Auch die traditionellen Kanäle sind ein Thema, schon im Frühjahr hat sich die überregionale Presse für das Projekt interessiert aber wir waren noch schüchtern. Vielleicht zu Unrecht, aber da wir die Plattform sukzessive Fach für Fach eröffnen, haben wir noch abgewartet um die Effekte für mehrere Fachbereiche nutzen zu können. Die Mundpropaganda an den Unis ist natürlich der Heilige Gral aber wir kommen inzwischen ins Gespräch. Auf der Unternehmensseite läuft das Marketing parallel zum Vertrieb.

RMS: Wo möchtet Ihr in den nächsten 3-5 Jahren mit Eurem Startup stehen?
Michael Grupp: Wir sind bereits jetzt eine der größten aktiven Doktorandeninitiativen in Deutschland, das ging sehr schnell, wir sind ja erst seit Januar richtig online. Zusammen mit dem Themenvermittlungsangebot, das vor allem für Studenten interessant ist, sollten die Nutzerzahlen weiter stark zunehmen. Unser etwas ehrgeiziges Ziel, ein vernünftiges fachbezogenes Matching zwischen Studenten und Doktoranden untereinander und zu Fachleuten aus der Wirtschaft herzustellen, ist in ein paar Jahren hoffentlich erreicht. Das Buzzword Disruption ist schon abgeschmackt, aber Thesius hat für die postgraduale Arbeit und das Hochschulmarketing viel Chaospotential (lacht).

RMS: Wie siehst Du den Gründungsstandort Rhein-Main? Ist die Region eine gute Gegend für Startups?
Michael Grupp: Gute Frage – ja, definitiv, aber nicht ohne Einschränkungen. Die Standortfaktoren sind ideal: über 200.000 Studenten, starke Unternehmen, viele technische und innovative Einrichtungen, erschwingliche Mieten, gute Sichtbarkeit der Startups, viel Rückenwind von Stadt und Land und eine gute Stimmung. Wir haben in Mainz ja vor zwei Jahren die Veranstaltungsreihe Mainzer Gründertreffen gestartet, auf dessen Grundlage ein stabiles Ökosystem entstanden ist, ähnliche Bewegungen bestanden längst in Frankfurt, auch Wiesbaden und Darmstadt sind sehr aktiv. Deutschland und die deutsche Wirtschaft sind föderal, es ist nur natürlich, dass auch die Gründerszene auf mehrere Ballungsräume verteilt ist. Trotzdem haben vor allem innovative Gründungen hier nicht die Wahrnehmung, die sie verdienen. Das liegt auch daran, dass es (noch) wenige Startups gibt, die bundesweit und international den Standort repräsentieren. Und natürlich sind im Verhältnis wenige große institutionelle Investoren vor Ort, höhere Anschlussfinanzierung und Mid-Level-Hiring sind beschwerlich. Da sind in anderen Städten wie München, Köln und natürlich Berlin die Wege kürzer und schneller.

RMS: Gibt es irgendeinen Tipp, den Du anderen Gründern mit auf den Weg geben möchtest?
Michael Grupp: Verallgemeinerungsfähige und vor allem belastbare Weisheiten sind in der Gründerszene ja eher selten. (lacht) Was ich aber zumindest aus Erfahrungen mit Thesius raten kann: Kundenkontakt ist nie zu früh, wirklich nie. Von dem LinkedIn Gründer Reid Hoffman kommt der schöne Spruch „If you’re not ashamed by the first version of your product, you have launched too late.” Das kann ich so unterschreiben.

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