Bildung, globale Zusammenarbeit, Militär und Kultur

Die hohe Innovationskraft der Start-Up Nation wird neben einem starken VC Markt und staatlichen Initiativen, auch durch Israels starke Militärkultur begründet. Als ein kleines Land, das von Feinden umringt ist, verfügt Israel seit Jahrzehnten über eine der besten Militärinfrastrukturen weltweit um seine Interessen verteidigen zu können. Die Israel Defense Force, kurz IDF, schreibt eine Wehrpflicht für junge Israelis vor, sowohl Männer die drei Jahre dienen, als auch Frauen die für zwei Jahre verpflichtet werden, lernen so bereits sehr früh neben dem regulären Militärdienst, in sogenannten Intelligence Kursen, mit IT- und hochtechnischen Sicherheitssystemen umzugehen. Die erlernten technischen Fähigkeiten in Bereichen wie der IT- Sicherheit und Kommunikation dienen den Militärdienstabsolventen später als wertvolles Wissen, dass nicht wenige von Ihnen nutzen um ihre eigenen Start-Ups zu gründen in denen sie ihre Kenntnisse modernisieren. Seit Mitte der 80er modifizieren Unternehmer so die Technologien aus der Rüstungsindustrie und damit die Militärexpertise um sie anschließend für den zivilen Gebrauch zu nutzen. Ein Beispiel für diesen positiven Nebeneffekt des Militärs auf den privatwirtschaftlichen Sektor ist die Kamerapille, die wie eine normale Tablette vom Patienten geschluckt werden kann um Anomalien im Magen-Darm Trakt zu erkennen, ohne den Patienten dafür aufschneiden zu müssen. Diese Idee wurde vom Militär abgeschaut, wo derartige Minikameras auf der Spitze von Projektilen angebracht werden. Die Innovation wurde von einem israelischen Unternehmen patentiert dessen Gründer früher bei der IDF gedient hat. Die Autoren (Dan Senor und Saul Singer 2009) heben in Ihrem Werk „Start-Up Nation-The Story of Israel’s Economic Miracle“, die Bedeutung des IDF für die Entrepreneurship Kultur hervor. Sie sehen neben der Aneignung des technischen Wissens vor allem die frühe Übernahme von Verantwortung und die Förderung von Kreativität in einer flachen Hierarchiekultur im israelischen Militär, in dem selbst hochrangige Offiziere offen kritisiert werden dürfen als Chance für potentielle Unternehmer. Diese Art der Führung verlangt von den IDF Soldaten Improvisationsgeschick und die selbständige Ausführung von Aufgaben. Diese frühe Übernahme von Verantwortung, die geforderte Selbstständigkeit zusammen mit dem technischen Wissen, tragen zu einer Aneignung von wichtigen Eigenschaften bei, die für die Gründung von einem Unternehmen sehr wichtig sind.

Durch ein einzigartiges Zusammenspiel von Staatsmaßnahmen, globaler Zusammenarbeit, einem guten Bildungssystem, einem stabilen VC Markt, dem Militär und der Kultur wurde Israel zu einer führenden Start-Up Nation. (Foto: Zachi Evenor)

Zudem ist die internationale Zusammenarbeit seit Jahrzehnten ein wesentlicher Bestandteil und Motor der industriellen Forschungs- und Entwicklungsarbeit in Israel. Die USA und Europa sind dabei die Hauptpartner in der internationalen Forschungskooperation. So wird ein wesentlicher Teil der Forschungsfinanzierung durch Beiträge von diversen großen Stiftungen in den USA, VC Investitionen sowie durch Forschungsaufträge amerikanischer Unternehmen unterstützt. Zu den bekanntesten Stiftungen zählt z.B. die U.S.-Israel Science and Technology Foundation (USISTF), die 1995 von beiden Regierungen gegründet wurde mit dem Ziel die Zusammenarbeit im Hightech Bereich zu fördern. Im europäischen Raum stellt das Forschungsrahmenprogramm (FRP) den wichtigsten Partner für die Kooperation im F&E-bereich dar. Aus dem Budget des FRP 6 haben israelische Institutionen eine Summe von 181 Mio. Euro erhalten. Beim europäischen Netzwerk für marktorientierte Forschung und Entwicklung (EUREKA), das 40 Länder umfasst, hat Israel 2010 den Vorsitz übernommen und ist an 13% aller EUREKA-Projekte beteiligt. Die starke globale Vernetzung räumt Israel nicht nur monetäre- sowie Wissensvorteile ein, sondern rückt die Start-Up Nation auch weiter in den Fokus von zahlreichen ausländischen Investoren.
Senor und Singer heben letztendlich einen weiteren Faktor hervor, der nur schwer zu erfassen und kaum messbar ist und dennoch nach Meinung vieler Experten so nur in Israel existiere und ebenfalls zur Erfolgsgeschichte des Landes beitrage. Dieses Phänomen beschreiben die beiden Autoren als „Chutzpah“, was so viel bedeutet wie Beharrlichkeit, Durchsetzungskraft, Mut und Dreistigkeit. Diese Eigenschaften werden landesweit vor allem im Geschäftsbereich deutlich wo beispielsweise die Risikobereitschaft um die eigene Innovation und Idee voranzubringen deutlich höher ist als in anderen OECD Ländern. Zudem sind die Hierarchiestrukturen weniger ausgeprägt, Autoritäten werden stärker hinterfragt und auch herausgefordert oder offen kritisiert. Dieser offene Dialog führt nach Meinung von Senor und Singer zur schnelleren Problemerkennung und Lösungsfindung im täglichen Geschäftsleben. Auch der Umgang mit Fehlern und Rückschlägen ist besonders. Vielfach wird erwähnt, dass das Scheitern von Projekten, anders als in vielen anderen entwickelten Industrienationen nicht als großer Fehler angesehen wird, sondern als wertvolle und sogar notwendige Erfahrung. Im August 2011 stellte der Gründer Ishay Green, seine erfolgreiche Software Soluto, die eine schnelle Erkennung und Lösung für Windows Probleme bietet einem Publikum von internationalen Studenten und Jungunternehmern vor. Bevor er mit Soluto große Erfolge feierte, musste er sein erstes Projekt, ebenfalls ein Software-Programm, mit sagenhaften 100.000 US-Dollar Verlust aufgeben.

Welche Lehren könnte man nun für die Start-Up Szene in Deutschland daraus ziehen? Bei der Betrachtung dieser einzelnen Faktoren, die alle zum rasanten Aufstieg Israels zur Start-Up Nation beigetragen haben lässt sich feststellen, dass dieser Erfolg durch ein einzigartiges Zusammenspiel von Staatsmaßnahmen, globaler Zusammenarbeit, einem guten Bildungssystem, einem stabilen VC Markt, dem Militär und der Kultur erzielt wurde, die nicht durch einzelne Programme in anderen Ländern ebenso einfach umgesetzt werden kann. Jedoch lassen sich dadurch Anknüpfungspunkte feststellen, die unerlässlich sind für eine starke Entrepreneurship Kultur. Dazu zählt vor allem die Förderung eines günstigen Umfelds für junge Unternehmer, bsp. durch die bessere Verfügbarkeit von Venture Capital und  zusätzlichen staatlichen Anreizen für Jungunternehmer.

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